Spektakuläre Prozesse

Es geht um Diebstahl, Sachbeschädigung oder gar Mord und Totschlag - bis zu 300 Strafprozesse gibt es täglich im Kriminalgericht Moabit. Über spektakuläre Fälle berichten die Medien. Doch wie so ein Verfahren genau abläuft, wissen die wenigsten. Das lässt sich ändern: Beim Tag der offenen Tür am Samstag (10. Oktober) im Kriminalgericht. 

Etwa 225 Beschäftigte - Richter und Richterinnen sowie Staatsanwälte, Beschäftigte der Wachtmeisterei und von den Geschäftsstellen - präsentierten in dem prächtigen historischen Gerichtsgebäude ihre Arbeit. Vereine und Verbände geben auf den Gängen des Gerichts zudem ebenfalls Einblick in ihre Arbeit. 

In fünf Verhandlungssälen gibt es nachgestellte Hauptverhandlungen, bei denen Justizbeschäftigte klassische Fallkonstellationen nachstellen, die wenig mit den Klischees aus Fernsehsendungen zu tun haben. 

Zwar kann jeder jederzeit öffentliche Prozesse verfolgen. «Bei vielen Menschen ist die Hürde jedoch erfahrungsgemäß groß, einfach mal ins Gericht zu gehen», erklärt Gerichtssprecherin Lisa Jani. Da Urteile «im Namen des Volkes» gesprochen würden, solle ein Eindruck vom Geschehen vermittelt werden. Wachtmeisterinnen und Wachtmeister demonstrieren aber etwa auch, was geschieht, wenn ein Angeklagter während der Verhandlung aufspringt und mit Stühlen um sich wirft. 

Für Kinder ab sechs Jahren gibt es besondere Führungen durch das Gebäude - Vorführzellen und «Knastblick» inklusive, wie es vom Gericht heißt. Auch Prozesse werden extra für Kinder im Grundschulalter in einem Saal nachgestellt. 

Der Einlass beginnt am Samstag nach Gerichtsangaben um 9.30 Uhr, letzter Einlass ist um 15.00 Uhr. Der Tag der offenen Tür selbst ist in der Zeit von 10.00 bis 16.00 Uhr.

Es empfiehlt sich, rechtzeitig vor Ort zu sein. Beim jüngsten Tag der offenen Tür 2023 bildeten sich lange Schlangen vor dem Kriminalgericht, insgesamt kamen damals nach Gerichtsangaben mehr als 3.400 Menschen. 

Besucherinnen und Besucher müssen am Einlass einen Ausweis oder Reisepass mit Foto vorzeigen. Da es Kontrollen gibt, sollten große Taschen zu Hause bleiben. Messer, Waffen, Scheren, Werkzeuge sowie Glas- oder Metallflaschen und Sprays sind generell verboten. 

Wer an Führungen durch das Gebäude oder an den nachgestellten Verhandlungen teilnehmen möchte, braucht dafür eine Karte. Die Karten dafür werden vorab in der Haupthalle vergeben.

Das Kriminalgericht Moabit ist das historische Herzstück des Campus Moabit, der als größter zusammenhängender Gerichtskomplex in Strafsachen in Europa gilt. Dort sitzen neben dem Amtsgericht Tiergarten und den Straf- und Strafvollstreckungskammern des Landgerichts Berlin auch Teile der Staatsanwaltschaft Berlin. Weitere Abteilungen der Staatsanwaltschaft sowie die Amtsanwaltschaft Berlin sind in Nebengebäuden untergebracht. Insgesamt arbeiten am Campus Moabit mehr als 2.300 Menschen.

Das Gericht wurde 1906 als «Königliches Criminalgericht» eröffnet. Die Bodenfliesen der Eingangshalle enthalten noch heute die Initialen «KCG». Das Gebäude war zu der Zeit ein technisches Meisterwerk - mit eigenem Kraftwerk, Lasten- und Personenaufzügen sowie Zentralheizung. Durch ein ausgeklügeltes System von Gängen können Angeklagte aus dem Untersuchungsgefängnis nebenan direkt zu den Gerichtssälen gebracht werden. 

Besonders beeindruckend präsentiert sich die geschwungene Haupttreppe in der Eingangshalle des Gerichts. Die Mittelhalle hat nach Gerichtsangaben eine Höhe von 29 Metern. In der Haupthalle thront eine Figurengruppe, die die Religion, Gerechtigkeit, Streitsucht, Friedfertigkeit, Lüge und Wahrheit symbolisiert. 

Die Liste prominenter Angeklagter ist lang. Nur wenige Monate nach der Eröffnung des Kriminalgerichts fand dort im Dezember 1906 der Prozess gegen den Schuster Wilhelm Voigt statt, der als «Hauptmann von Köpenick» in die Geschichte einging. 

In den Jahrzehnten danach saßen Prominente und Berüchtigte, Politiker, Stars und Sternchen, kleine Gauner und eiskalte Killer auf der Anklagebank. In den 1970er Jahren wurde das Kriminalgericht zum Schauplatz der ersten Terroristenprozesse. Nach der Wiedervereinigung stand die Aufarbeitung von DDR-Unrecht im Mittelpunkt. Vom kleinen Mauerschützen über hochrangige Militärs mussten auch die Spitzen der DDR wie Erich Honecker und sein Nachfolger Egon Krenz sowie Stasi-Chef Erich Mielke auf die Anklagebank.

Viel Beachtung fanden Prozesse gegen Prominenz wie gegen das frühere Boxidol «Bubi» Scholz, der 1984 seine Frau im Vollrausch erschossen hatte. Auch der Prozess gegen Kaufhaus-Erpresser Arno Funke, bekannt als «Dagobert», zog 1995 viel Publikum an. 

Zuletzt sorgte der Streit zwischen Rapper Bushido und seinem einstigen Geschäftspartner, der in einen jahrelangen Strafprozess mündete, für Schlagzeilen. 

Internationale Beachtung fand der Prozess gegen den als «Tiergartenmörder» verurteilten Wadim Krassikow. Laut Urteil ermordete er 2019 im Auftrag staatlicher russischer Stellen in einer Berliner Parkanlage einen Georgier. 2024 kam Krassikow im Zuge eines großangelegten Gefangenenaustausches zwischen Russland, Belarus und mehreren westlichen Ländern frei.



Auf Facebook teilen

Über den Autor

Kein Nutzerprofilbild vorhanden
Sally

Power Radio - ... ich on air ...

Mehr über den Autor



Winamp, iTunes 
Windows Media Player 
Real Player 
QuickTime